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Schattenspiel – The Last Chapter

Es ist ein etwas seltsames Gefühl, das letzte Album einer Band zu besprechen, deren aktives Mitglied man in den Jahren 2012 bis 2017 war. In diesen 5 Jahren ist viel geschehen: Die Veröffentlichung zweier Alben, einer Best-Of-Compilation und schließlich eines Splitalbums mit meinem eigenen Projekt Verney 1826. Sehr viel Musik also in einem vergleichsweise geringen Zeitraum. Nach meinem Ausstieg im letzten Jahr hat Bandgründer Sven Phalanx schließlich das Ende von Schattenspiel verkündet – und diesen Schritt passenderweise mit dem finalen Album „The Last Chapter“ besiegelt.

Da ich mich als Mitglied der Band in den letzten Jahren der Stimme enthalten habe, wenn es um Kommentare zu unserer Musik ging, habe ich nun die Gelegenheit, einige Worte zu Schattenspiel und zu diesem letzten Album loszuwerden.

Eines vorweg – den Hörer erwartet mit „The Last Chapter“ kein vollständig neues Album der Band. Vielmehr handelt es sich bei dieser CD um eine Zusammenstellung einiger neuer, vorrangig aber älterer Titel. Der Gelegenheitshörer wird dies vermutlich gar nicht bemerken, denn die älteren Titel stammen fast durchweg von Bonus-CDs, Kleinstauflagen, Nebenprojekten oder Kollaborationen mit anderen Musikern.

Los geht es mit einem sehr persönlichen Titel, dem nur mit einer Ambientspur unterlegten Dudelsackstück „Amazing Grace (Farewell Beloved Mother)“, dessen nachdenklicher Ton die Marschrichtung für das generell recht ruhige Album vorgibt.

„To The Ocean“ ist  eines meiner persönlichen Lieblingsstücke von Schattenspiel, was vielleicht daran liegt, dass es das erste Stück war, das ich mit Sven für unser erstes gemeinsames Album „Aus dem Dunkel“ aufgenommen habe. Hier wird allerdings die mit sphärischen Vocals ausgestattete „Miss Kitty Version“ präsentiert, die der Solo-CD von Svens Mitstreiterin Miss Kitty entnommen ist.

Das elektronisch-rockige „Augurios“ stammt von der Bonus-CD des 2016er Albums „R/Evolution“ und ist eine Zusammenarbeit mit dem Künstler Igniis. Ich kann mich noch gut erinnern, dass sowohl Sven als auch ich dieses wunderbare Stück Musik wie eine heiße Kartoffel von Album zu Album schoben, da es uns nirgendwo richtig hinzupassen schien. Dass es schließlich auf gesagter Bonus-CD landete, wo es nur wenige Hörer kennenlernen durften, war vielleicht nicht unsere beste Entscheidung. Umso mehr freut es mich, dass es nun endlich seinen verdienten Platz auf Schattenspiels letztem Album gefunden hat.

Es folgt „Notre Vie, Notre Fardeau“, eine mit seinen verhalten Vocals etwas an Death in June erinnernde Komposition von Le Silence des Ruines – wunderschön und nachdenklich.

„Good Morning Sick World“ ist schließlich eine Coverversion des Klassikers von Art Of Empathy, dessen von Sven und Miss Kitty gesungenen Refrain wir im Original beließen, während ich die Strophen auf Deutsch singen durfte. Sicherlich einer unserer beliebtesten Titel, dessen erneutes Anhören mir noch immer die Gänsehaut auf die Arme treibt.  

„Symphony of Loneliness“ entstand in Zusammenarbeit mit Orpheus Enthroned und war mir bis dato unbekannt. Dieses Instrumentalstück ist sehr ruhig gehalten und wird von elektronischen Streichern dominiert, die sich über schwebende Orgelklänge legen. Eine direkte Melodie lässt sich ausmachen; stattdessen lässt man den Improvisationen ihren Lauf. Ein schönes Stück, mit über 6 Minuten Spielzeit aber etwas zu lang für meinen Geschmack.

Der nächste Titel stammt wieder vollständig aus meiner Feder. „The Distant Rainbow“ erschien erstmals auf einer sehr limitierten Vinylsingle, die ich 2015 als Geschenk für Sven aufgenommen hatte. Der Text und die hinter dem Lied stehende Intentionen sind sehr persönlicher Natur und sollen daher hier auch nicht diskutiert werden. Für Verney 1826 war dieses Stück mit seiner Kombination aus Orgelklängen, indischen Instrumenten und unaufdringlicher Elektronik ein wenig experimentell, was vielleicht einer der Gründe war, warum es nie auf einem regulären Album erschien. Umso mehr freue ich mich, dass es bei Schattenspiel seine letzte Ruhestätte finden durfte.

Die beiden nächsten Titel „Die längste Nacht“ und „Fernes Land“ stammen erneut von der Bonus-CD des Albums „R/Evolution“. Wenn ich mich recht erinnere, hatten wir „Die längste Nacht“ für eine Dark-Ambient-Compilation eingespielt, während „Fernes Land“ eigentlich auf dem Album „R/Evolution“ erscheinen sollte, von unserem damaligen Labelchef aber abgelehnt wurde – was wohl an seinem für das angedachte Zielpublikum eher inkompatiblen Hip-Hop-Rhythmus lag. Davon abgesehen ist es immer noch eines meiner Lieblingsstücke auf dieser CD, da es eine eigenwillige Mischung aus Martial Industrial und Darkwave darstellt.

„Hold On“ stellt einen überaus gelungenen Brückenschlag zu Svens neuem Projekt Schwarzwald dar. Während Schwarzwald sonst aber sehr elektronisch-tanzbar daherkommt, ist „Hold On“ ein pures Ambientstück – sehr bedrohlich, sehr intensiv und definitiv ein Highlight dieses Albums.

Mit „Sun & Steel“ erwartet uns erneut eine Kooperation mit dem französischen Projekt Barbarossa Umtrunk. Gesampelte, kriegerische (japanische?) Stimmen, Streicherloops, ein dezentes Schlagzeug … Martial-Industrial-Fans kommen hier sicherlich auf ihre Kosten, auch wenn man ehrlicherweise konstatieren muss, dass sich vorliegendes musikalisches Schema seit Death in Junes „The Wall of Sacrifice“ nicht wesentlich verändert hat.

Das letzte Stück trägt den Titel „Eine neue Hoffnung“ und ist eine gänzlich neue Komposition, die mich ein wenig an Vangelis erinnert, deren verspielte Elektronik andererseits aber sehr typisch für das Schaffen von Sven Phalanx ist. Nach knappen zwei Minuten ist es leider schon wieder vorbei (hier hätte ich gern noch etwas länger zugehört), und so beschließt es das Album mit wunderbarer Leichtigkeit und mit einem positiven Blick in die Zukunft.

Überhaupt vergeht die Zeit beim Hören dieses Albums wie im Fluge, und selbst für mich, der ich an der Hälfte der Titel aktiv beteiligt war, stellt es ein spannendes Hörerlebnis dar – und eine Art Zeitreise durch die letzten Jahre. Die gemeinsame Arbeit mit Sven war für mich eine wunderbare Erfahrung, die ich um nichts in der Welt missen möchte. Es geschieht recht selten, dass zwei Personen musikalisch und menschlich so gut zusammenpassen, und wenn es dann doch einmal der Fall ist, entsteht bei ihrer Zusammenarbeit eine Art Magie, die – so können wir nur hoffen – auch bei unseren Hörern ankommt. Dass ich zeitgleich mit meinem Ausstieg bei Schattenspiel mein eigenes Projekt Verney 1826 beendet habe, mag man als Indiz dafür werten, dass diesem Ausstieg keinerlei persönliche Differenzen zugrunde lagen. Ganz im Gegenteil – sollte ich jemals wieder das Bedürfnis verspüren, Musik zu machen, dann weiß ich, mit wem ich zusammenarbeiten möchte.

Vielen Dank für 5 wunderbare Jahre, Sven!

Lionel Verney, 13. Januar 2019.